Unravel (PS4) im Test – Zwischen Glück, Frust und Tränen

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thomary
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Unravel (PS4) im Test – Zwischen Glück, Frust und Tränen

Beitragvon thomary » Mi 10. Feb 2016, 17:57

Unravel – Sieht man das Werk aus dem Hause Coldwood, möchte man es einfach haben. Zumindest uns geht es so. Nicht nur aufgrund der beeindruckenden Optik, sondern auch wegen des unheimlich knuddeligen Wollhelden Yarny. Zudem verspricht Unravel, auch inhaltlich Einiges auf dem Kasten zu haben. Wir konnten den Titel auf der PS4 endlich testen. Warum wir dann doch nicht so ganz überzeugt waren, verrät der Testbericht.

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Über das Leben, die Liebe und ein Stück Faden

Unravel ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man ohne viele Worte eine tolle Geschichte erzählen kann. Ihr macht euch mit Yarny auf, eine Familiengeschichte zu rekonstruieren, indem ihr ein ausgeblichenes Fotoalbum wieder mit Erinnerungen füllt... Diverse Stationen der Geschichte besucht ihr, als Belohnung für geschaffte Level gibt es neue Bilder im Album und ein kurzer Text, was jeweils geschehen ist.

Ja, Unravel lässt euch Emotionen spüren. An vielen Stellen ist es Glück, doch in einigen Momenten macht das Spiel auch wirklich traurig. Inhaltlich passt alles zusammen: Die Oberwelt ist das Haus der Familie, in dem ihr euch schon mit Yarny umherhangelt, um über diverse Fotos die Level zu betreten.

Das zentrale Thema des Fadens wird dabei immer wieder aufgegriffen, doch in philosophische „Verstrickungen“ über Liebe und Leben wollen wir uns an dieser Stelle nicht einlassen. Inhaltlich ist Unravel etwas, das man selbst erlebt haben sollte. Definitiv beschäftigt einen die Thematik ja auch spielerisch: Yarny besteht fast nur aus rotem Faden. Das könnt ihr euch einerseits zunutze machen, indem ihr beispielsweise einen Faden an bestimmte Punkte werft, um euch dann entlang zu hangeln, andererseits bedeutet das auch: Irgendwann ist der Faden auch mal leer.

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Die Inszenierung ist toll und kommt ohne viele Worte aus.


Atmosphärisch umwerfend

Doch bevor es soweit ist, hat Unravel erst einmal genug Zeit, zu verzaubern: Grafisch und atmosphärisch hat Coldwood hier nämlich beinahe ein Meisterwerk abgeliefert. Die Umgebungen sind aus Fotografien entstanden, was man ihnen auch ansieht. Alles wirkt realistisch, aber nicht aufdringlich realistisch – Stilistisch hatten die Entwickler genau den richtigen Riecher, sodass auch Yarny perfekt in die Welt passt.

Auch wenn die Hintergründe natürlich eher statisch sind und auch die paar Tiere in den Welten, die manchmal auch als Feinde agieren, strengen Routinen folgen, ist Unravel grafisch eines der beeindruckendsten PS4-Spiele, die wir bisher zu sehen bekommen haben. Auch technisch gibt es fast nichts auszusetzen. Manchmal kommt es zu leichten Fehlern mit dem Seil und zu kleinen Clippingfehlern, was etwas ärgerlich ist, da das Verhalten ziemlich fest vorgeschrieben ist, doch dazu gleich noch mehr.

Auch der Soundtrack tut sein Übriges zur tollen Atmosphäre: Die Musikuntermalung ist ebenso passend auf die Level abgestimmt worden wie die tollen Soundeffekte, sodass jede Umgebung auf ihre ganz eigene Art in den Bann ziehen kann. Ob Yarny sich tendenziell eher wohl oder bedroht fühlt, wird durch die gesamte Kulisse ebenso wie durch die Atmosphäre glaubhaft und mitreißend inszeniert. Und ja, es gibt sogar einen Moment, den wir tatsächlich als „Jump Scare“ bezeichnen würden. Das Ganze ist zwar vorhersehbar, doch wer sich bei Until Dawn in die Hose gemacht hat, könnte sich hier wirklich erschrecken...

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Nicht den Kopf hängen lassen, Yarny! Die Atmosphäre ist super und berührend.


Glück, Tränen... Und Frust?

Unravel ist umwerfend schön und besticht mit einer tollen, teils impliziten, Geschichte. Klingt doch gut, oder? Ist es soweit auch, doch leider hat Unravel eines nicht geschafft: Uns mit seinem Gameplay zu überzeugen. Grundsätzlich fahren die Entwickler dabei gut ausgewählte Elemente auf und erfreulicherweise sogar einige gut gelungene Rätsel, die auch mal ein bisschen anspruchsvoller ausfallen.

Im Gesamtbild fehlen jedoch wirklich originelle Ideen, und das trotz der Faden-Thematik. Die Effekte davon sind, dass ihr quasi dauerhaft über einen Greifhaken verfügen könnt, der an geeigneten Punkten zum Einsatz kommt. Ansonsten baut ihr euch Faden-„Trampoline“, die auch als Rampen für Objekte herhalten können. Ansonsten müsst ihr beachten, dass Yarny irgendwann neuen Faden benötigt. Wollknäuel zum Erweitern sind natürlich in den Leveln platziert. Ansatzweise lässt sich hier spüren, dass es ein bisschen darauf ankommt, wie ihr zuvor gehaushaltet habt, denn es gibt Stellen, wo ihr es durch ungeschicktes Verknoten möglicherweise nicht zum nächsten Knäuel schafft – Wenn auch nur um wenige Meter. Doch Vieles in Unravel ist zu streng vorgeschrieben, sodass ihr nur selten in diese Situation kommt, außer, ihr überseht etwas, oder wisst nicht, was das Spiel gerade von euch möchte.

Vieles in Unravel fühlt leider sich nach reiner Programmierer-Willkür an. Beispiel: Ein Stapel Kisten steht auf dem Boden. Die untere Kiste können wir nicht erklettern, sondern clippen nur leicht in sie hinein. Wieso? Na ja, irgendwie stehen sie zwar schon so, dass nicht genug Platz ist, die erste Kiste zu erklettern, aber in erster Linie, weil oben ein Haken schwingt, mit dem wir uns selbst auf diese erste Kiste schwingen müssen. Jede weitere Kiste, die darauf steht, exakt identisch mit der auf dem Boden stehenden, können wir natürlich ohne Probleme erklettern – Sorry, das ist mies und es gibt noch viele weitere Stellen, die so ähnlich sind!

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Ach ja, versteckte Objekte gibt es natürlich auch. So wie das hier. Es erfordert manchmal Mut und Grips, an sie zu gelangen.


Frust!

Überhaupt ist das Spielerlebnis an vielen Stellen frustrierend, aber nicht deshalb, weil Dinge wirklich schwer wären, sondern einfach, weil erstens überhaupt nur Dinge funktionieren, die das Spiel will, und zweitens auch diese nicht immer. So fällt das vermeintlich einfache Schwingen über Abgründe teilweise unheimlich schwer, weil Yarny einfach nicht das tut, was er soll, zum Beispiel weil Unravel gar einen völlig falschen Zielpunkt für unseren Faden ins Visier nimmt (vermutlich, weil wir ein bisschen experimentiert haben, ob hier noch was anderes geht) und wir im nächsten Moment auf unmögliche Art genau diesen Punkt mit unserem Faden anschießen.

Den Höhepunkt erreichen die Ärgernisse leider bei einigen der Rätseln, vor allem, wenn man bestimmte Objekte miteinander verknoten muss. Hier fragt man sich zu häufig in den sechs bis acht Stunden Spielzeit: „Habe ich einen Fehler gemacht – Oder weiß Unravel grade nicht, was es tun soll?“ Meistens ist es eine Mischung aus beidem, da man Dinge häufig genauso tun muss, wie sie vorgeschrieben sind. Ansonsten spielen dann auch gerne mal Dinge wie die Physik verrückt, sodass man gar nicht mehr weiterkommt. Ärgerlich! Besonders ärgerlich sind auch bestimmte gescriptete Passagen, die nur funktionieren, wenn man als Spieler genau im richtigen Tempo läuft. Der Hammer: Läuft man „falsch“, setzt Unravel einfach mit einem weiteren Skript nach, sodass Yarny sterben muss, auch wenn dieses Skript physikalisch völlig absurd ist.

Dem steht gegenüber, dass in jedem Level doch einen vorgesehenen Alternativweg gibt, für dessen Bestreiten man mit einer Trophäe belohnt wird. Das Entdecken ist Zufall, die Trophäen nämlich versteckt. Warum das so ist, ist uns schleierhaft, da man die Trophäen auch mit Text nicht unbedingt sofort einem bestimmten Level zuordnen könnte. Was macht Spieler im Jahr 2016? Greift nun erst recht zum Guide.

Und irgendwo in dem ganze Schlamassel kann man auch erkennen, dass Unravel zwischenzeitlich sein eigenes Konzept vergisst: Zunächst sieht alles nach einem kinderfreundlichen Spiel aus. Da wird man sogar angesprochen: „Siehst du diesen Wirbel?“, fragt einen das Spiel da zum Beispiel. Doch mit diesen Erklärungen ist es ganz schnell vorbei, für seine strengen Regeln legt Unravel später kein Regelwerk mehr vor und lässt einen auch beim größten Knoten im Regen stehen. Wozu dann die Erklärungen am Anfang? Für Kinder ist Unravel in dieser Form nicht geeignet, und obwohl man inhaltlich ein so dichtes Werk abgeliefert hat, hat man spielerisch auch auf dieser Ebene mehr oder weniger versagt.

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Fazit: Der Fadenschein trügt

Es hätte so schön sein können. Ach, Moment: Unravel ist schön – Wunderschön sogar. Grafisch und atmosphärisch gehört Unravel zum Stärksten, was wir bisher auf den aktuellen Konsolen spielen durften, da auch die tolle Musikuntermalung und die Soundeffekte alles richtig machen. Hinzu macht die emotionale Rekonstruktion einer Familiengeschichte mit Yarny als liebenswertem Protagonisten glücklich und traurig zugleich – Und zwar bis zum Ende. Inhaltlich und atmosphärisch ist Unravel ein ganz klares Highlight.

Das Gameplay ist es, woran Unravel nahezu scheitert. Das Spiel lässt die Frage aufkeimen, warum tolle Spiele eigentlich so oft in schlechte Platformer gepackt werden müssen. Eigentlich haben wir es mit einem sehr angenehmen Platformer zu tun, der auch mit dem einen oder anderen coolen Rätsel daherkommt, wo man auch mal nachdenken muss. Doch obwohl trotz des Fadenkonzeptes wirklich originelle Ideen fehlen, schafft es Unravel, an vielen Stellen sehr frustrierend zu sein, aber eben nicht, weil Passagen ach so schwer wären, sondern häufig, weil Vieles nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte oder könnte, entweder durch Programmiererwillkür oder einfach nur durch die bockige Steuerung. Für seine strengen Regeln lehrt Unravel zu wenig, zudem scheinen die Entwickler unterwegs fast ihr eigenes Konzept vergessen zu haben. Somit kommt zu Glück und Tränen aufgrund des Inhalts ganz viel Frust aufgrund des Gameplays. Es ist schade, dass wir dieses Fazit ziehen müssen, aber in dieser Hinsicht wäre von Unravel einfach so viel mehr zu erwarten gewesen. Trotz allem würden wir aber sagen, dass man den Titel auf jeden Fall einmal erlebt haben sollte.

Pro Contra
+ Extrem starke Atmosphäre - Nur einige originelle Gameplay-Ideen
+ Tolle Musik und Soundeffekte - Zu viel Programmier-Willkür
+ Grafisch top - Steuerung bockt, es funktioniert bestenfalls, was funktionieren soll
+ Gute Geschichte, emotional berührend - Hoher Frustfaktor
+ Schön gestaltete Level


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Technik: 76
  • Grafik: 95
  • Sound: 100
  • Umfang: 80
  • Gameplay: 48
  • KI: 57

Spielspaß: 60

Singleplayer:
  • Story: Ohne viele Worte erzählt Unravel eine tolle Geschichte, die sogar emotional sehr berührt.
  • Frustfaktor: Leider sehr groß – Wegen Macken der Steuerung und wegen willkürlicher Spielelemente. Es funktioniert nur das, was funktionieren soll – Und auch das nicht immer.
  • Wiederspielwert: Ein Durchlauf durch die Story dauert gut sechs Stunden - Danach kann man sich an Sammelobjekte machen oder sich um die Herausforderungen kümmern, die in Form von (versteckten) Trophäen vorhanden sind.
  • Design/Stil: Absolut gelungen - Grafisch und atmosphärisch umwerfend.
  • Musik: Musik und Sound ist top und unterstreicht die Atmosphäre.

Informationen zum Testgerät
Plattform: PlayStation 4 500GB
Hardware: Standard, ohne ausgetauschte Hardware
Alter des Geräts zum Testzeitpunkt: 2 Jahre, 2 Monate (PS4 Launchkonsole)

Wir bedanken uns bei EA für die Bereitstellung des Pressemusters zu Unravel!


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